Über die Schönheit der Disziplin

„Das Wort Disziplin kommt im Englischen von dem Wort für Schüler (disciple), also jemand, der lernt. Wenn wir Achtsamkeit mit einer gewissen Disziplin kultivieren und uns dabei bewusst sind, wie heraus- fordernd es ist, eine dauerhafte Aufmerksamkeit für alle Aspekte unseres Lebens zu entwickeln, dann schaffen wir in der Tat die Voraussetzungen, um etwas Wichtiges vom Leben selbst zu lernen. Dann wird das Leben zur Meditationspraxis und zum Meditationslehrer: Was immer in jedem Moment geschieht, ist einfach die Lernaufgabe dieses Augenblicks.

Die wahre Herausforderung liegt in unserer Beziehung zu dem, was sich in unserer Erfahrung zeigt. Hier finden wir die Freiheit selbst. Hier können wir einen Moment echten Glücks erfahren, einen Moment des Gleichmuts, einen Moment des Friedens. Jeder Moment ist eine Gelegenheit, zu erkennen, dass wir nicht den alten Gewohnheiten folgen müssen, die unterhalb der Ebene unserer Bewusstheit wirken. Mit starker Absicht und Entschlossenheit können wir mit Nicht-Ablenkung experimentieren. Wir können mit Nicht-Zerstreuung experimentieren. Mit Nicht-Anhaftung und Nicht-Tun.

Wir können die Bereitschaft entwickeln, in dieser Weise unseren alten Gewohnheiten zu begegnen, ohne Nicht-Ablenkung und Nicht-Tun zu unerreichbaren Idealen zu machen. Wir können lernen, immer wieder Sanftheit und Güte in diesen Prozess zu bringen – und sei es auch nur für den kürzesten Moment. Dann können wir die tatsächliche Möglichkeit erfahren, in diesem Augenblick anzukommen und in Frieden mit den Dingen zu sein – so wie sie sind, ohne dass wir versuchen müssten, etwas in diesem Augenblick zu verändern oder in Ordnung zu bringen.

Im Grunde ist diese Haltung nicht nur eine heilsame und sanfte Disziplin. Es ist ein radikaler Akt der Liebe … und der Geistesgegenwart.“

Jon Kabat-Zinn, Achtsamkeit für Anfänger



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